Samstag, 26. april 2008
In keiner Situation fühle ich mich derart unter pädagogischem Zugzwang, wie wenn meine kleine Tochter Nele sich mit einem anderen Kleinkind um irgend etwas streitet und alle Mütter schauen hämisch und denken sich: "Na da bin ich ja mal gespannt, wie die das jetzt löst, ohne die Persönlichkeit ihres Kindes zu verletzen." Zwei Seelen streiten dann in meiner Brust. Die eine - pädagogisch schwarze - Seele würde meiner kleinen Tochter den Stein des Anstoßes gerne einfach aus der Hand nehmen, sagen, das gehört dir nicht und es dem anderen Kind geben. Die Seele, die Jesper Juuls auswendig kann und schon weiß, was in der nächsten "Eltern" steht, bevor diese erscheint, sagt: "Das ist Gewalt. Und Gewalt ist keine Lösung". Was also tun?

Gut, dass ich soviele Mutter-Kind-Kurse besuche und dann einfach die ach so schlauen Sozialpädagogen fragen kann. Und was erfahre ich: "Gewalt ist keine Lösung." Na wer hätte das gedacht? Und so geht's richtig: Man sagt seinem Kind ruhig und freundlich, aber bestimmt, dass es anderen Kindern nichts wegnehmen darf und dass es das Spielzeug zurückgeben soll. Darauf erhält man - natürlich - keine Reaktion. Jetzt kann man versuchen, den Gegenstand dem Kind sanft zu entziehen. Wenn's klappt: Glückwunsch. Meine Tochter hält das in der Regel mit aller Kraft, die ihr elf Kilo leichter Körper aufbringen kann, fest und schreit: "Nein, nein, nein." Jetzt, so sagen die Sozialpädagogen, darf man dem Kind den Gegenstand nicht gewaltsam aus den kleinen Fingerchen puhlen, sondern soll dem anderen Kind sagen: "Die Nele gibt das jetzt leider nicht her. Das ist nicht richtig von ihr. Tut mir leid." Seinem eigenen Kind sollte man dann keine Beachtung mehr schenken. Die Aufmerksamkeit gilt nur dem Opfer. Dann, so sagen die Sozialpädagogen, verstehen Kinder irgendwann, dass ihr Verhalten unsozial ist.

Wahrscheinlich denkt aber im gleichen Augenblick die Mutter des Opfers, dass mein Verhalten unsozial ist und ich meinem verwöhnten Balg gefälligst sofort das Spielzeug abnehmen soll. Naja, dann muss die halt auch mal ein paar Mutter-Kind-Kurse besuchen :-)

Ach ja, was noch hilft, ist folgendes: Dem eigenen Kind - vor der Eskalation - erklären, dass man mit dem Spielzeug (sofern es beispielsweise in der Kita oder einem Spielkurs für die Allgemeinheit bestimmt ist) spielen wird, sobald es frei ist. Und dann auch tatsächlich sein Kind darauf hinweist, dass das Spielzeug jetzt zur Verfügung steht. So lernen die Kinder, dass ihre Bedürfnisse respektiert werden, auch wenn man sie nicht gleich erfüllen kann.

Soweit die Theorie. Viel Spaß bei der Praxis.

(Bildquelle: Photocase.de/Gerti G.)



von Queen Mum veröffentlicht in: Kleines Erziehungshandbuch
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